Wer Gesellschafter berät, kennt diesen Verlauf, wenn unter dem Streit eine tiefe Verletzung liegt: Zwei Partner haben ein Unternehmen gemeinsam aufgebaut, dann häufen sich die Konflikte. Beratung und Mediation helfen jeweils eine Weile, am Ende steht trotzdem die Trennung. Und selbst danach kommen die beiden nicht voneinander los. Die Heldenreise erklärt, warum das so ist und wie es anders laufen kann.
Die Heldenreise des System Empowerers verläuft über zwölf Phasen oder Stufen. Die mittlere Phase, die „Höhle des Löwen“, ist jedoch anders als in der klassischen Heldenreise aus Filmen und Märchen. In der Begleitung von Unternehmern, in der Unternehmensnachfolge in Familienunternehmen und in der System Empowerer Fortbildung durchlaufen die Beteiligten die Heldenreise des System Empowerers.
Heldenreise mit und ohne Systemgesetzverletzungen
Filme, Geschichten, Märchen und Mythen, die uns fesseln und berühren, bestehen typischerweise aus Phasen, die immer die gleichen sind. Joseph Campbell untersuchte Mythen verschiedener Kulturen und fand viele Gemeinsamkeiten in den Phasen, die er als „Reise des Helden“ bezeichnete („Der Heros in tausend Gestalten“, 1949). Christopher Vogler vereinfachte Campbells Heldenreise auf zwölf Stationen, nachzulesen in seinem Buch „Die Odyssee des Drehbuchschreibers“. Voglers Heldenreise wird heute in vielen Filmen genutzt, unter anderem von Disney.

Die Heldenreise am Beispiel des Märchens von Hänsel und Gretel
1. Gewohnte Welt
Der Platz, die Zeit, der Ort, von dem wir ausgehen, der gewohnte und vertraute Horizont. In der Regel stagniert ein Veränderungsprozess. Etwas geht zu Ende.
Bei Hänsel und Gretel ist die gewohnte Welt ihr armes Zuhause am Rand des Waldes, wo sie mit ihrem Vater und ihrer Stiefmutter leben.
2. Ruf des Abenteuers
Hier geht es um die Form des Rufes: Was ist der Auslöser, das Ereignis, der Hinweis?
Hänsel und Gretel belauschen das Gespräch zwischen dem Vater und der Stiefmutter, die sie im Wald zurücklassen und verhungern lassen will.
3. Weigerung
Der Held zögert, weicht aus, hält am Gewohnten fest. Meist entsteht eine Spannung zwischen antreibenden und bremsenden Kräften.
Hänsel und Gretel gelingt es beim ersten Mal, mithilfe der Steine wieder nach Hause zurückzufinden.
4. Begegnung mit dem Mentor
Hat der Held auf den Ruf geantwortet, erscheinen schützende Kräfte, die ihn stärken und ihn mit Mitteln wie Schutz, Wissen und Fähigkeiten ausstatten.
Der Mond, der „ganz hell schien“, und die weißen Kieselsteine, die vor dem Haus lagen und „glänzten wie lauter Batzen“.
5. Überschreiten der ersten Schwelle
Der Held verlässt die gewohnte Welt und trifft beim Überschreiten der Schwelle auf Schwellenhüter, die, einmal besiegt, oft zu Verbündeten werden. Die Energie bricht durch.
Hänsel und Gretel haben sich im Wald verirrt. Sie finden das Hexenhäuschen, essen davon und treffen auf die Hexe.
6. Bewährungsproben, Verbündete und Feinde
Der Held betritt die neue Welt mit ihren neuen Regeln und muss sich anpassen.
Gretel muss für die Hexe arbeiten und kochen und bekommt selbst „nur Krebsschalen“. Hänsel wird von der Hexe „in einen kleinen Stall getragen und mit einer Gittertüre eingesperrt“. Dort reicht er der Hexe, die mit ihren roten Augen nicht weit sehen kann, einen Knochen statt seines Fingers.
7. Vordringen zur tiefsten Höhle
Der Held dringt zum gefährlichsten Ort vor, zum empfindlichsten Kern. Das ist die zentrale Krise.
Am nächsten Morgen soll Hänsel geschlachtet und gekocht werden. Gretel ist auf sich allein gestellt, weil der Knochentrick nicht mehr funktioniert. Sie bangt täglich um das Leben ihres Bruders, leidet und muss für die Hexe arbeiten, die ihn verspeisen will. Hänsel muss täglich damit rechnen, dass ihn die Hexe tötet.
8. Entscheidende Prüfung
Gretel durchschaut die Hinterlist der Hexe, stellt sich unwissend und stößt sie in den Ofen, in dem sie verbrennt. So rettet sie Hänsel.
9. Belohnung
Übersteht der Held die entscheidende Prüfung, erhält er die Belohnung.
Im Haus der Hexe finden sie „in allen Ecken Kasten mit Perlen und Edelsteinen“. Sie stecken in ihre Taschen, was hineinpasst. Das ist der Schatz, der sie von ihrer Armut befreit.
10. Rückweg
An der Schwelle zur Rückkehr steht der Held vor der Frage: Bleibe ich in der Welt des Abenteuers, eine zweite Verweigerung, oder kehre ich mit dem Segen in die gewohnte Welt mit ihren Freuden, Leiden und Banalitäten zurück, als verwandeltes Ich?
Ein Fluss ohne Steg oder Brücke muss überquert werden. Eine Ente bringt sie nacheinander ans andere Ufer, in die gewohnte Welt.
11. Integration
Der Held entscheidet, das Erlebte zu integrieren und mit neuen Einsichten ins normale Leben zurückzukehren. Die zwei Welten werden verbunden.
Mit dem Schatz der Hexe kommen Hänsel und Gretel in das Haus ihres Vaters zurück.
12. Rückkehr mit dem Elixier
Der Held kehrt mit seiner Belohnung in die gewohnte Welt zurück.
„Da hatten alle Sorgen ein Ende, und sie lebten in lauter Freude zusammen.“
Die Heldenreise bei Systemgesetzverletzungen: die Anti-Heldenreise
Ein spannender Film lebt davon, den Helden in die tiefste Höhle des Löwen zu schicken, wo er um Leben und Tod kämpft, Ängste aussteht und dann die entscheidende Aufgabe meistert. Umso größer sind die Erleichterung und die Belohnung. Im wirklichen Leben sitzen viele Menschen lange in der tiefsten Höhle, ohne dass sich wirklich etwas ändert.

Beispiel: zwei geschäftsführende Gesellschafter
Gewohnte Welt: Zwei Geschäftsführer gründen und führen gemeinsam ein Unternehmen. Mit der Zeit haben sie Konflikte miteinander. Diese Konflikte liegen nicht nur auf der Sachebene, es entstehen auch Verletzungen der Systemgesetze.
Die Systemgesetze beschreiben die Grundbedürfnisse in einem System wie Zugehörigkeit, Anerkennung und den Ausgleich von Geben und Nehmen. Werden sie verletzt, durch Ausschluss, fehlende Wertschätzung oder Ungerechtigkeit, entstehen Basisgefühle wie Leid, Angst, Trauer und Wut. Sie entstehen sofort, noch bevor darüber nachgedacht wird, was gerade passiert ist.
Ruf des Abenteuers: Die beiden versuchen, diese emotionalen Konflikte selbst zu lösen, und merken, dass es immer wieder zu Verletzungen kommt. Es entsteht eine Atmosphäre von Ironie und Sarkasmus.
Weigerung: Beide versuchen, die Verletzungen zu übergehen, zu deckeln, zu vergessen und positiv nach vorn zu schauen. „Lass uns zusammen ein Bier trinken, dann schauen wir gemeinsam nach vorn, und alles wird gut.“
Mentor: Ein Geschäftspartner rät den beiden, sich Unterstützung zu holen.
Aufbruch: Als die beiden merken, dass es so nicht weitergehen kann, holen sie sich einen Berater und einen Mediator. Auf der Sachebene kommen sie voran, und eine Zeit lang wird es besser. Die Verletzungen darunter werden aber nicht aufgelöst, die verletzten Basisgefühle bleiben.
Bewährungsproben: Die sachlichen Lösungen halten nicht lange, und sie denken darüber nach, sich zu trennen.
Tiefste Höhle: Es ist emotional so weit eskaliert, dass einer der beiden nicht mehr kann. Sie beschließen, sich zu trennen.
Entscheidende Prüfung: Sie vollziehen die geschäftliche Trennung. Der eine kauft dem anderen die Anteile ab.
„Belohnung“: Die Verletzungen zwischen den beiden geschehen jetzt nicht mehr täglich. Zunächst Erleichterung.
Rückweg und Integration finden nicht statt. Stattdessen wiederholen sich die Phasen von der Weigerung bis zur tiefsten Höhle.
Wiederholung, Verschiebung der Themen: Weil die Systemgesetzverletzungen zwischen den beiden nicht aufgelöst sind und auch die Zeit daran nichts ändert, beschäftigen sie sich weiter mit dem anderen. Der Ausgeschiedene versucht, Kunden des anderen zu übernehmen, und redet schlecht über seinen früheren Partner. Der andere bekommt Angst und droht mit einer Unterlassungsklage. So hängen beide in dieser Schleife und in der tiefsten Höhle fest.
Und wenn sie die Systemgesetzverletzungen nicht auflösen, bleiben sie in der tiefsten Höhle bis ans Ende ihrer Tage.
Die Heldenreise des System Empowerers
Werden die Systemgesetzverletzungen aufgelöst, durchlaufen die Beteiligten
- nicht mehr die klassische Heldenreise mit der tiefsten Höhle, und
- es kommt auch nicht zur Schleife, in der sich die Themen wiederholen und verschieben.
Nach unserer Erfahrung sorgt System Empowering dafür, dass genügend Kraft vorhanden ist und die Reise ohne Absturz verläuft. Das ist die Heldenreise des System Empowerers.
Dasselbe Beispiel: zwei geschäftsführende Gesellschafter
Gewohnte Welt, Ruf des Abenteuers und Weigerung verlaufen wie oben: Die beiden haben Konflikte, es kommt zu Verletzungen der Systemgesetze, sie versuchen, die Verletzungen zu übergehen und positiv nach vorn zu schauen.
Mentor: Ihr Berater zieht einen System Empowerer hinzu, um die emotionalen Konflikte auf der Systemgesetzebene aufzulösen.
Aufbruch: Der System Empowerer führt Einzelgespräche, stellt System Empowering vor und stärkt jeden der beiden.
Bewährungsproben: Danach folgen Gespräche zu dritt. Dort wird geschaut, bis wann es zwischen den beiden gut war und was die erste kleine Systemgesetzverletzung war.
Tiefste Höhle, ohne Absturz: Die erste Systemgesetzverletzung wird emotional aufgelöst, Leid und Wut verschwinden. Die beiden erkennen, dass ihre Situation nicht eskaliert wäre, wenn sie diese erste Verletzung schon damals hätten auflösen können. Das macht beide traurig.

Entscheidende Prüfung: Jetzt werden alle weiteren Systemgesetzverletzungen und die dazugehörigen Gefühle wie Leid, Trauer, Angst und Wut wechselseitig aufgelöst, und die „Brille“, durch die der eine den anderen sieht, wird neutral oder positiv.
Belohnung: Die Verletzungen zwischen den beiden sind aufgelöst. Erleichterung. Das Misstrauen hat sich aufgelöst. Vertrauen ist noch nicht wieder da. Sie trennen sich nicht.
Rückweg: Beide achten darauf, den anderen nicht zu verletzen. Tritt eine Systemgesetzverletzung auf, wenden sie an, was sie über System Empowering gelernt haben.
Integration: Dieses Wissen bringen sie in ihr Unternehmen ein. Sie sind Vorbild für die Mitarbeiter und verändern dadurch die Kultur des Unternehmens. Auch die Mitarbeiter lernen System Empowering kennen, und auf Teamebene und zwischen den Geschäftsführern und Mitarbeitern werden ebenfalls vorhandene Systemgesetzverletzungen aufgelöst.
Rückkehr: Treten Systemgesetzverletzungen auf, werden sie sofort angesprochen und gelöst. Es herrscht ein angenehmes, wertschätzendes und vertrauensvolles Klima, und jeder geht wieder gern zur Arbeit. Die Kunden merken die Veränderung, und das wirkt sich oft auch auf Umsatz und Gewinn aus.
Was das für Ihr Mandat bedeutet
- Woran Sie es erkennen: Sachliche Lösungen halten nicht lange, Beratung und Mediation helfen jeweils nur eine Weile, und zwischen den Gesellschaftern herrscht eine Atmosphäre von Ironie und Sarkasmus. Nach unserer Erfahrung liegt dann unter dem Streit eine Systemgesetzverletzung.
- Eine Trennung beendet den Konflikt nicht, solange die Verletzungen nicht aufgelöst sind. Die Themen verschieben sich, etwa auf Kunden, auf schlechtes Reden über den früheren Partner oder auf eine Unterlassungsklage.
- Die Verletzungen zu übergehen und positiv nach vorn zu schauen, hilft nicht. Die verletzten Basisgefühle bleiben, auch wenn es auf der Sachebene vorangeht.
- Wie der Berater im Beispiel können Sie einen System Empowerer hinzuziehen. Er führt zuerst Einzelgespräche und löst dann in Gesprächen zu dritt die Systemgesetzverletzungen auf, beginnend mit der ersten.
Literaturhinweise
Christopher Vogler: Die Odyssee des Drehbuchschreibers
Joseph Campbell: Der Heros in tausend Gestalten
C. G. Jung: Die Archetypen und das kollektive Unbewusste
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