Prozesskompetenz: im Prozess oder inhaltlich befangen sein
Ob Sie als Berater, Jurist, Coach oder Mediator mit Unternehmern arbeiten: Sie kennen Gespräche, in denen nichts mehr vorangeht, obwohl Sie fachlich alles richtig machen. Nach unserer Erfahrung hat das oft mit der eigenen Haltung zu tun. Wer inhaltlich befangen ist, statt im Prozess zu sein, bremst das Gespräch, auch mit dem besten Rat.
Im Prozess sein heißt: im Hier und Jetzt, im Augenblick zu sein, ohne Gedanken an die Zukunft, Vergangenheit, eigene Probleme, Ziele usw. Thies Stahl stellte einmal die Frage, wann der Coach im Inhalt und wann im Prozess ist. Nach langem Grübeln und Diskutieren fand ich darauf keine Antwort, denn ich stellte fest, dass es keine klare Grenze zwischen Inhalt und Prozess gibt. Die Lösung kam, als ich den Denkrahmen verlassen und eine weitere Achse hinzugefügt habe. Es ist die Haltungsebene, d.h. welche innere Haltung habe ich und bin ich inhaltlich befangen oder im Prozess. Daraus ist folgendes Coachingviereck entstanden.
Die vertikale Ebene ist die Haltungsebene. Der Coach oder Berater kann sich frei auf der horizontalen Ebene bewegen. Er kann auch Expertenrat geben, solange er im Prozess ist (im grünen Bereich). Das ist gerade für Berater und Juristen wichtig, deren Fachrat ausdrücklich gefragt ist. Der Prozessrat (Welches Format nehme ich?) kann ebenfalls zielführend oder blockierend sein. Auch hier hängt es von der inneren Haltung ab. Ist der Coach inhaltlich befangen, so führt selbst ein Prozessrat zum Stillstand des Prozesses.
Keine Prozesskompetenz: inhaltlich befangen sein / sich nicht im Augenblick befinden
Da jeder Berater, Jurist, Coach oder Mediator ein Teil des Systems ist, bleibt es nicht aus, dass er mal inhaltlich befangen wird. Jeder, der Mandanten begleitet, hat dieses Phänomen schon erlebt. Der Prozess geht nicht voran. Egal was man sagt, die Haltung der Teilnehmer verändert sich nicht, die Bewegungen sind stereotypisch immer dieselben, also vorhersagbar. Das kann folgende Gründe haben:
- Der Teilnehmer erinnert den Coach unbewusst an eine ihm bekannte Person
- Das inhaltliche Thema ist für den Coach persönlich ein ungelöstes oder schwieriges Thema
- Der Coach macht sich Gedanken über die zukünftigen Geschäftsbeziehungen zwischen dem Teilnehmer und sich selbst: Wenn es schnell eine Lösung gibt, verliert er einen Kunden?
- Der Coach meint zu wissen, was für den Klienten gut ist, und versucht, ihn dort hinzubringen
- Der Coach ergreift Partei (in Mediationen oder Teamcoaching)
- Der Coach ist unter Zeitdruck
- Der Coach ist nicht der Überzeugung, dass der Teilnehmer sich verändern kann
und viele andere.
In der Beratung kann das zum Beispiel so aussehen: Der Steuerberater soll im Gesellschafterstreit neutral bleiben, arbeitet aber seit Jahren vor allem mit einem der Gesellschafter zusammen. Oder die Anwältin meint zu wissen, welche Nachfolgeregelung die richtige ist, und lenkt das Gespräch dorthin.
Welche Gründe fallen Ihnen ein? Was haben Sie schon erlebt?
Beobachten Sie einen Stillstand des Prozesses, so gilt es, die eigene inhaltliche Befangenheit aufzudecken und zu transformieren. Dann können Sie sich wieder voll und ganz dem Prozess widmen.
Ob der Coach inhaltlich befangen oder im Prozess ist, zeigt die Physiologie bzw. die Wahrnehmung (beim Klienten und beim Berater selbst).
Eine wichtige Überprüfung, ob jemand inhaltlich befangen ist, ist die erste Frage des SystemChecks zu stellen: Was ist gut an dem, was wir jetzt haben? Wenn jemand inhaltlich befangen ist, z.B. beim Thema Aggression, weil er sie selbst ablehnt, so wird er nicht an diese Frage denken. Selbst wenn er sie stellen sollte, so wird ihm normalerweise nichts dazu einfallen.
Der Schritt ist nun, sich unbedingt Kontexte oder Situationen auszudenken, wofür es dort gut sein könnte. Es soll ja gar nicht generell gelten.
Wenn das nicht hilft, so sollte das Thema bearbeitet werden, beispielsweise in einer Supervision oder im Coaching. Die inneren eigenen Teile geben ebenfalls Auskunft, ob man inhaltlich befangen ist.
Um sich diese Fragen stellen zu können, ist Ruhe nötig. Falls Sie gerade mitten in einer Beratung, einem Coaching oder einer Mediation sind, so sollten Sie diese unterbrechen, eine Kaffeepause einlegen und in dieser Zeit probieren, sich die Fragen zu stellen und Antworten zu erhalten, so dass Sie zurückfinden in den Zustand: „Im Prozess sein“.
Diese Prozesskompetenz ist ein Hauptteil unserer System Empowerer Fortbildung.
Prozesskompetenz als Voraussetzung für Erfolg
Ob Sie im Prozess sind oder inhaltlich befangen, entscheidet mit darüber, ob Ihre Arbeit beim Mandanten etwas bewegt. Das gilt im Beratungsmandat genauso wie in der Mediation. Wer die eigene Befangenheit früh bemerkt und auflöst, kann auch als Experte Rat geben, ohne den Prozess zu blockieren.
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