Einführung in die Systemik: Reduktionismus versus Systemik
Wer Unternehmer berät, erlebt es immer wieder: Die Planung steht, das Controlling liefert verlässliche Zahlen, und trotzdem entwickelt sich das Unternehmen des Mandanten anders als berechnet. Oft fehlt der Blick auf das Ganze, denn ein Unternehmen ist mehr als die Summe seiner Teile. Dieser Beitrag zeigt, was ein System ausmacht und warum die Chaos- und Selbstorganisationstheorie (Systemik) hier weiter trägt als der Reduktionismus.
Die Weltsicht des Reduktionismus, der von den berühmten Wissenschaftlern Galilei, Bacon, Descartes und Newton eingeführt wurde, geht davon aus, dass sich in jedem komplexen System das Verhalten des Ganzen vollkommen aus den Eigenschaften seiner Teile verstehen lässt. Schon in frühester Kindheit lernen wir, komplexe Probleme in ihre Einzelteile zu zerlegen, wodurch wir die Themen und Aufgaben anscheinend besser handhaben können. In einigen wenigen Systemen ist dieses Reduzieren auch ohne Probleme zulässig, doch die meisten Systeme, die in unserer Welt vorkommen, sind zu komplex, als dass wir ungestraft so vorgehen dürfen. Der Preis, den wir zahlen müssen, ist, dass wir den Blick für das umfassende Ganze verlieren und die Konsequenzen nicht voraussehen können.
Beispiel Lego: Als wenn man in der Lage wäre, das komplexe Verhalten eines aus LEGO-Technik zusammengebauten Baggers aus den einzelnen Legobausteinen erkennen zu können. Natürlich werden die Eigenschaften des Systems Bagger zerstört, wenn der Bagger in die einzelnen Bausteine zerlegt wird. Das System Bagger ist aber in den einzelnen Bausteinen nicht enthalten und somit auch nicht erklärbar, da sich aus den Teilen unendlich viele andere Systeme herstellen lassen. Dieser Vergleich hinkt natürlich, da die Bausteine sich nicht von selbst zu einem komplexen System zusammensetzen, sondern von einem Menschen, also von außen zusammengesetzt werden. Wir erweitern deshalb das System auf Legobausteine und Kind.
Übertragen auf die Wirtschaftswelt und insbesondere auf das Controlling in Unternehmen führt dieser Reduktionismus logischerweise dazu, dass die Zukunft mit diesen Mitteln allein nicht planbar und noch weniger vorherzusagen ist, denn es fehlt der Blick für das ganze System.
Nach der neuen Weltanschauung des Systemdenkens sind die wesentlichen Eigenschaften des Systems die Eigenschaften des Ganzen, die nicht in ihren Teilen zu finden sind. Diese Eigenschaften entstehen vielmehr aus den Beziehungen und Wechselwirkungen zwischen den Teilen.
Deshalb muss der reduktionistische Glaubenssatz „Das ganze System ist die Summe seiner Teile“ ersetzt werden.
Systemik: Feedback und Kreisläufe
Die Welt ist komplex. Die Teile eines Systems sind durch Beziehungen direkt oder indirekt miteinander vernetzt. Eine Veränderung in einem Teil breitet sich also netzwerkartig aus und beeinflusst die anderen Teile, die sich wiederum verändern usw. Letztendlich wirkt sich die erste Veränderung in abgewandelter Form auf sich selbst aus. Dieses Verhalten ist typisch für ein System, es wird Rückkopplungskreislauf genannt. Eine solche Vernetzung von interagierenden Größen ist fast überall in unserer Realität zu finden. Systemdenken erfordert von uns, in linearen Verläufen und in Kreisläufen zu denken.
Systemik und die Chaostheorie
Die Chaostheorie führt uns vor Augen, dass die Vorhersage, welchen Zustand das komplexe System annimmt, prinzipiell nicht möglich ist. Dieser Effekt wurde als Erstes von Lorenz, einem Wetterforscher, entdeckt, der ihn als Schmetterlingseffekt bezeichnete. Ein Flügelschlag eines Schmetterlings in den USA kann bei uns schönes Wetter oder ein Gewitter verursachen.
Ein praktisches Beispiel mag dies verdeutlichen: Wir spielen “Stille Post”. Ein Begriff wird einer Person zugeflüstert, die wiederum den Begriff einem Nächsten ins Ohr flüstert usw. Das Wort wird sich aller Erfahrung nach so verändern, dass man nicht vorhersagen kann, welcher Begriff von der letzten Person genannt wird, meistens zur Erheiterung der Mitspieler. Es genügen also winzige Einflüsse von außen (z.B. jemand hustet oder eine Uhr läutet), um zu einem völlig anderen Entwicklungsverlauf zu kommen.
Ökonomische Vorgänge sind häufig chaotische Prozesse. Deshalb ist es für die Entscheidungsträger eine schwierige Aufgabe, in einem ständiger Veränderung unterworfenen komplexen System die optimale Entscheidung zu treffen, wobei verschiedene Störungen zu berücksichtigen sind.
Systemik und Ökonomie
Wodurch entsteht Chaos in der Ökonomie?
Drei Gruppen von verschiedenen Wirkungszusammenhängen, die zur Entstehung von Chaos führen können, lassen sich allgemein zusammenfassen zu:
Exogenen Einflüssen:
Exogene, d.h. von außen auf das betrachtete System einwirkende Einflüsse können schockartig wirken und eine an sich regulär ablaufende ökonomische Entwicklung unvorhersagbar machen. Zusätzlich bedingt die Beschränkung auf ein “Teilsystem” anstelle der Betrachtung des “Gesamtsystems” (z. B. der Untersuchung eines bestimmten Marktsegments in einem Unternehmen anstelle der gesamten Produktpalette), dass einzelne Systemgrößen im Unternehmen nur unscharf (fuzzy) erfasst werden. So liegt etwa die Nachfrage nach einem bestimmten Produkt nur innerhalb bestimmter Grenzen und nicht bei einem bestimmten Wert. Auch dieser Effekt, entsprechend dem Schmetterlingseffekt, führt zu einer Unvorhersagbarkeit der ökonomischen Entwicklung.
Nichtlinearen Wirkungszusammenhängen:
Die komplizierten, sich wechselseitig und netzwerkartig beeinflussenden ökonomischen Prozesse der verschiedenen Entscheidungsträger sind nichtlineare Wirkungszusammenhänge. Aufgrund dieser sich selbst verstärkenden oder dämpfenden Einflüsse und Rückkopplungen kann sich Chaos ergeben. Im obigen Beispiel des “Stille Post”-Spiels ist das Weiterflüstern, wenn mehr als zwei Spieler daran teilnehmen, ein nichtlinearer Vorgang, denn jede kleine Abweichung wird von Person zu Person weitergegeben und verstärkt.
Systemwandel:
Systemwandel, oft ausgelöst oder begleitet von Veränderungen im rechtlichen, politischen und gesellschaftlichen Bereich sowie in den internationalen Beziehungen, führt zu Veränderungen interner Strukturen und kann chaotisches Systemverhalten hervorrufen.
In Natur und Wirtschaft wirken meist mehrere dieser Ursachen zugleich. Für die Beratung heißt das: Kennzahlen und Teilbereiche zeigen nur einen Ausschnitt. Auch die Menschen in einem Unternehmen bilden ein System. Im System Empowering gehen wir davon aus, dass jedes menschliche System Grundregeln folgt, den Systemgesetzen. Gemeint sind Grundbedürfnisse und Ordnungen wie Zugehörigkeit, Anerkennung, der Ausgleich von Geben und Nehmen und „Früher hat Vorrang vor später“. Im Hausmodell (Kommunikationsmodell Bischop) bilden sie das Fundament, Sachfragen wie Planung und Controlling liegen im Dach. Nach unserer Erfahrung stoßen auch gut gemachte Instrumente beim Mandanten an Grenzen, wenn das Fundament verletzt ist.
Was das für Ihr Mandat bedeutet
- Weicht die Entwicklung beim Mandanten trotz sauberer Planung immer wieder ab, liegt das nicht unbedingt an der Planung. Das Verhalten eines komplexen Systems lässt sich nicht vollständig vorhersagen.
- Kennzahlen und einzelne Bereiche zeigen nur einen Ausschnitt. Fragen Sie auch nach den Beziehungen und Wechselwirkungen zwischen den Bereichen, denn eine Veränderung an einer Stelle wirkt auf andere zurück.
- Größen wie die Nachfrage liegen oft nur innerhalb bestimmter Grenzen. Rechnen Sie deshalb mit Spannbreiten statt mit festen Werten.
- Greifen gut gemachte Instrumente trotzdem nicht, lohnt der Blick auf das Fundament, also auf die Systemgesetze zwischen den Beteiligten. Für diese Ebene können Sie uns im Mandat hinzuziehen.
Mehr dazu im Buch von Dr. Dieter Bischop: Coachen und Führen mit System, 2010, Verlag Ludwig, Kiel.
Die Systemik bzw. das Systemdenken ist Bestandteil der System Empowerer Fortbildung.
Sie begleiten Unternehmer und kommen bei einem Mandat an eine Grenze? In der System Empowerer Fortbildung lernen Sie, die Ursache im Fundament zu erkennen und aufzulösen. Der nächste Durchgang startet am 28. Januar 2027.
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