Im Mandat hören Sie viel über Menschen, die nicht im Raum sitzen. Der Unternehmer erzählt Ihnen beim Gespräch über den Jahresabschluss, sein Vertriebsleiter sei nicht mehr zu gebrauchen. Der Junior schildert, was der Senior angeblich über ihn sagt. Eine Gesellschafterin möchte wissen, wie Sie ihren Mitgesellschafter einschätzen. Das ist Flurfunk. Er findet auf dem Flur des Unternehmens statt und ebenso in den Gesprächen, die Sie als Berater, Jurist, Coach oder Mediator mit Ihrem Mandanten führen.

Für das Unternehmen Ihres Mandanten hat das Folgen, für Ihre eigene Arbeit auch. Wer im Mandat viel über andere hört, trägt bald ein Bild von ihnen mit sich, bevor er ihnen selbst begegnet ist.

Warum Flurfunk beim Mandanten so verbreitet ist

Die Gründe sind vielfältig. Man ist mit einer Entscheidung des Chefs nicht einverstanden, ärgert sich über einen Kollegen oder versteht nicht, warum die Schwester im Familienunternehmen anders behandelt wird. Gespräche über Abwesende haben dabei eine Wirkung, die sich zunächst gut anfühlt. Wer gemeinsam über jemanden redet, fühlt sich zugehörig. Und wer über einen anderen urteilt, hebt den eigenen Status ein Stück über dessen Status.

So kann im Team eine Gruppe entstehen, die sich über den neuen Geschäftsführer einig ist. In einer Unternehmerfamilie bilden sich Lager, in denen über den jeweils anderen Zweig gesprochen wird. Diese vermeintlich positiven Seiten des Flurfunks haben eine Kehrseite.

Was Flurfunk auslöst: Ausschluss und Brille

Im System Empowering gehen wir davon aus: In dem Moment, in dem über eine Person geredet wird, die nicht anwesend ist, wird sie ausgeschlossen. Das betrifft das erste der Systemgesetze, das Recht auf Zugehörigkeit. Ausschluss ist nach unserem Verständnis die schwerste Verletzung.

Außerdem entsteht bei allen, die zuhören, eine Brille über die abwesende Person. Damit meinen wir eine Überzeugung, durch die jemand den anderen sieht. Das Bild ändert sich durch das, was im Gespräch gesagt wurde, und man begegnet der Person danach anders. Die Brille bestätigt sich dabei selbst: Sie bestimmt, was man beim nächsten Mal wahrnimmt und wie man es deutet.

Einiges davon wird leicht übersehen:

  • Schon das Nachfragen schließt aus. Wer über jemanden hinter seinem Rücken nachfragt, etwa als neuer Chef eine Referenz beim früheren Arbeitgeber einholt, schließt ihn aus. Die Absicht dahinter ist meist gut, man will sich auf den Menschen einstellen. Trotzdem kann so ein Vorurteil entstehen, das das Kennenlernen belastet. Verantwortlich sind nach unserem Verständnis der, der gefragt hat, und der, der geantwortet hat.
  • Auch Lob erzeugt eine Brille. Wer nur Positives über einen Abwesenden weitergibt, schließt ihn ebenfalls aus und erzeugt eine positive Brille, die enttäuscht werden kann. Hört ein neuer Geschäftsführer, sein Vertriebsleiter sei „brillant beim Kunden“, denkt er leicht, um den müsse er sich nicht kümmern.
  • Identitätsaussagen verletzen. Sätze wie „Der ist unzuverlässig“ oder „Sie ist brillant“ sagen etwas über den Menschen, nicht über sein Verhalten. Im System Empowering gehen wir davon aus, dass solche Aussagen immer eine Verletzung sind, ob man sie über jemanden sagt oder zu ihm, auch wenn sie gut gemeint sind.

Erfährt die Person später, was über sie gesagt wurde, entsteht in diesem Moment eine weitere Verletzung, die wir Systemgesetzverletzung durch Erkenntnis nennen. Und wer schon vor dem ersten Kennenlernen etwas über den anderen gehört hat, beginnt nicht neutral. Dann kann später genau das fehlen, womit eine Klärung mit dem PowerCode beginnt: eine Zeit, in der es zwischen beiden gut war.

Flurfunk im Mandat: was er für Sie als Berater bedeutet

Als Berater, Jurist, Coach oder Mediator sitzen Sie oft genau dort, wo über Abwesende geredet wird. Ihr Mandant schildert Ihnen den Streit mit seinem Mitgesellschafter, oder Sie fragen beim langjährigen Steuerberater der Familie nach, wie der Junior so ist. Wer über jemanden hinter seinem Rücken nachfragt, schließt ihn nach unserem Verständnis aus, und verantwortlich sind der, der fragt, und der, der antwortet. Ganz vermeiden lässt es sich im Mandat nicht, denn Sie brauchen Informationen über die Beteiligten. Umso mehr kommt es darauf an, wie darüber gesprochen wird.

Hinzu kommt Ihre eigene Brille. Was Sie über einen Beteiligten hören, prägt, wie Sie ihm begegnen. Gehen Sie mit dem Bild „der Junior ist unzuverlässig“ ins nächste Gespräch, sehen Sie vor allem, was dazu passt. Im System Empowering gehen wir davon aus, dass jeder Berater und Coach eine Brille trägt. Entscheidend ist, ob durch sie beim Gegenüber eine Verletzung entstanden ist. Dann reicht es nicht, die eigene Brille zu bemerken und zu bearbeiten. Die Verletzung, die dadurch entstanden ist, muss ebenfalls aufgelöst werden.

Für Mediatoren und alle, die zwischen Parteien vermitteln, kommt die Frage hinzu, was sie von einer Seite zur anderen tragen. In der Mediation mit System Empowering arbeiten wir bevorzugt zuerst mit jedem Konfliktpartner einzeln. Was in der Einzelarbeit gesagt wird, bleibt vertraulich und wird nicht an die andere Seite weitergegeben. Verschwiegenheit gehört für uns zum ersten Systemgesetz, der Zugehörigkeit.

Was hilft: reden, als säße der andere mit am Tisch

Gar nicht mehr über andere zu reden, geht nicht, im Unternehmen nicht und im Mandat auch nicht. Die Regel lautet deshalb: Stellen Sie sich vor, der andere sitzt mit am Tisch, und reden Sie nur über sein Verhalten.

Für Ihre Gespräche mit dem Mandanten heißt das zum Beispiel:

  • Fragen Sie sich, ob Sie genauso reden würden, wenn die Person anwesend wäre. Wenn nicht, überlegen Sie, was Sie sagen und wie Sie es formulieren.
  • Beschreiben Sie Verhalten so, wie eine Videokamera es aufgenommen hätte: „Die Zahlen kamen zweimal nach dem vereinbarten Termin“ statt „Er ist unzuverlässig“.
  • Führen Sie den Mandanten vom Urteil zum Verhalten zurück, indem Sie fragen, was genau passiert ist.
  • Holen Sie keine Einschätzungen über Beteiligte hinter deren Rücken ein. Lernen Sie die Menschen selbst kennen.
  • Wird über jemanden geurteilt, können Sie respektvoll unterbrechen oder fragen, welches Ziel das Gespräch hat.
  • Haben Sie schon etwas gehört, gehen Sie innerlich vor dieses Gespräch zurück: Wie haben Sie die Person gesehen, bevor Sie davon wussten?

Diese Regeln beugen neuen Verletzungen vor. Ist durch Flurfunk im Unternehmen Ihres Mandanten schon eine Verletzung entstanden, reichen sie nicht mehr. Fragen und Einsicht machen eine Brille sichtbar, aufgelöst wird die Verletzung mit dem PowerCode. Wirkt Flurfunk beim Mandanten bereits als Konflikt, können Sie uns im Mandat hinzuziehen.

Die Podcastfolge zum Flurfunk:

Häufige Fragen

Ist es schon Ausschluss, wenn ich über einen Beteiligten eine Einschätzung einhole?

Im System Empowering gehen wir davon aus: ja. Wer über jemanden hinter seinem Rücken nachfragt, schließt ihn aus, auch mit guter Absicht. Verantwortlich sind der, der fragt, und der, der antwortet. Besser ist, den Menschen selbst kennenzulernen.

Schadet es auch, nur Positives über andere weiterzugeben?

Ja. Auch Lob über einen Abwesenden schließt ihn aus und erzeugt eine positive Brille, die enttäuscht werden kann. Wer hört, jemand sei brillant beim Kunden, denkt leicht, um den müsse er sich nicht kümmern.

Wie spreche ich mit dem Mandanten über Mitarbeiter oder Familienangehörige?

So, als säße die Person mit am Tisch, und nur über ihr Verhalten. Identitätsaussagen wie „er ist …“ vermeiden Sie, auch gut gemeinte, denn sie verletzen nach unserem Verständnis immer.

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