PowerCode: Verletzungen an der Ursache auflösen
Ein Gesellschafter entschuldigt sich, der andere nimmt die Entschuldigung an, und beim nächsten Streitpunkt ist alles wieder da. Ein Nachfolger würdigt die Leistung des Seniors, und es kommt nicht an. Gespräche und Vereinbarungen erreichen die Sachebene, das verletzte Gefühl darunter bleibt. Genau dort setzt der PowerCode an.
Was der PowerCode ist
Der PowerCode ist das von Dr. Dieter Bischop entwickelte Verfahren, mit dem Verletzungen der Systemgesetze aufgelöst werden. Die Beteiligten diskutieren dabei nicht ihre schlechten Gefühle in der Gegenwart. Sie gehen innerlich zu dem Zeitpunkt zurück, an dem es zwischen ihnen noch gut war. Erst dort entsteht die wertschätzende Haltung, die für eine Klärung gebraucht wird. Von dort aus werden die erste Verletzung und danach alle weiteren aufgelöst, in der Reihenfolge, in der sie entstanden sind.
Es geht dabei nicht um Schuld oder um Täter und Opfer. Es geht darum, die Verantwortung dorthin zu geben, wo sie hingehört.
Basisgefühle und Denkgefühle
Eine Verletzung zeigt sich in Basisgefühlen: Leid, Trauer, Angst und Wut. Sie entstehen unabhängig vom Denken und sind körperlich spürbar, als Druck im Bauch, Enge oder Zittern. Aus der Verletzung entsteht außerdem eine Schlussfolgerung, die wir Brille nennen, etwa „Ich bin hier nicht wichtig“ oder „Der andere macht das absichtlich“. Gefühle, die aus solchen Schlussfolgerungen entstehen, nennen wir Denkgefühle.
Ein gutes Gespräch kann Denkgefühle verändern. Die Basisgefühle bleiben, bis die Verletzung aufgelöst ist. Deshalb halten Vereinbarungen oft nur bis zum nächsten ähnlichen Anlass.
Die fünf Voraussetzungen
- Es war einmal gut oder neutral zwischen den Beteiligten, zum Beispiel beim Kennenlernen.
- Die Verursacher sind bekannt, und zwar alle, die einen Anteil haben, auch frühere.
- Die Beteiligten sind ausgeglichen kraftvoll genug. Wer das Leid des anderen nicht sehen oder seinen Teil der Wut nicht nehmen kann, hat dafür meist eigene, ältere Verletzungen.
- Es wird sprachlich richtig vorgegangen: konkretes Verhalten und konkrete Wirkung, ohne Vorwurf und ohne Rechtfertigung.
- Eine neue Brille entsteht: Das Bild voneinander darf sich verändern.
Fehlt eine Voraussetzung, wird zuerst dort gearbeitet. War es zwischen den Beteiligten schon beim Kennenlernen nicht gut, etwa weil einer auf einem vergifteten Platz sitzt, wird zuerst diese Ursache geklärt. Fehlt die Kraft, hilft häufig die Genea-Methode.
Bevorzugt prüfen wir die Voraussetzungen zuerst mit jeder Seite einzeln. Erst wenn beide die Klärung allein innerlich können, bringen wir sie zusammen. So kommt niemand unnötig ins Leid.
Der Ablauf: drei W und drei A
Die eigentliche Klärung folgt einer festen Gesprächsfolge. Die verletzte Person geht drei Schritte, die verursachende Person antwortet mit drei Schritten. Ab dem zweiten Schritt fragt der System Empowerer jedes Mal die jeweils andere Person, ob es ankommt. Der Prozess geht nur weiter, wenn es ankommt.
| Schritt | Wer | Was geschieht |
|---|---|---|
| Wertschätzende Haltung | verletzte Person | Sie spricht aus der Zeit heraus, in der es noch gut war. Die anderen erinnern sich ebenfalls, jeder an einen eigenen guten Moment. |
| Wahrnehmung | verletzte Person | Sie beschreibt das verletzende Verhalten so, wie eine Videokamera es aufgezeichnet hätte, ohne Deutung und ohne Vorwurf. |
| Wirkung | verletzte Person | Sie beschreibt oder zeigt das ausgelöste Basisgefühl, etwa den Druck im Bauch oder die Angst. |
| Anerkennung | verursachende Person | Sie steht zu ihrem Verhalten und erkennt das Leid an: „Es war nicht meine Absicht. Es tut mir leid, dass du dabei diesen Druck im Bauch hattest.“ |
| Ausgleich | verursachende Person | Sie übernimmt ihren Anteil der Verantwortung und nimmt damit den Anteil der Wut, für den sie verantwortlich ist: „Du bist zu Recht wütend. Ich nehme meinen Teil.“ |
| Aussicht | verursachende Person | Sie benennt, wie sie sich mit dem Wissen von heute verhalten hätte. Daraus entsteht bei der verletzten Person eine neue Brille. |
Ausgleich und Aussicht können je nach Situation getauscht werden. Entscheidend sind nicht die Sätze, sondern ob die verursachende Person das Leid sieht und mitfühlen kann und ob das beim anderen ankommt. Rechtfertigungen gehören nicht in Anerkennung und Ausgleich, sie erzeugen eine neue Verletzung.
Von der ersten Verletzung bis zur Gegenwart
Der PowerCode beginnt bei der ersten, meist kleinen Verletzung. Kleine Verletzungen müssen zuerst aufgelöst werden, sonst lassen sich die großen nicht auflösen. Ist die erste aufgelöst, fragen wir alle Beteiligten: Wäre es dann zur nächsten Verletzung gekommen? Meist lautet die Antwort nein. Dann wird nur noch der eigene Anteil an der Folgeverletzung geklärt. So wird Verletzung für Verletzung bis zur Gegenwart aufgelöst.
Verletzungen wandern oft in Ketten: Wer verletzt wurde, verletzt später einen Dritten. Solche Ketten werden von vorn aufgelöst. Wer zuerst verletzt hat, nimmt seinen Anteil der Wut auch aus den späteren Verletzungen. Wer hinten anfängt, lädt dem Letzten etwas auf, das ihm nicht allein gehört.
Ein gutes Gefühl an einem Zwischenstand bedeutet noch nicht, dass die Gegenwart geklärt ist. Aufschiebbare Entscheidungen werden deshalb möglichst erst getroffen, wenn die Kette bis heute aufgelöst ist.
Woran man erkennt, dass eine Klärung fertig ist
Zwei Prüfungen, beide müssen erfüllt sein. Die Beteiligten können an das Neue denken, also daran, wie es mit dem anderen Verhalten gewesen wäre. Und sie können an die alte Situation denken, so wie sie wirklich war, ohne dass sie noch Leid, Trauer, Angst oder Wut auslöst. Der Satz, an dem man es hört: „Ja, es war so. Es macht aber nichts mehr mit mir.“
Was geschehen ist, bleibt geschehen. Es wird weder vergessen noch schöngeredet. Solange die alte Situation noch etwas auslöst, fehlt ein Verursacher oder eine Voraussetzung, und die Arbeit geht dort weiter.
Ein Beispiel aus der Nachfolge
Ein Senior hat seinem Sohn früh gesagt, das Unternehmen müsse wichtiger sein als die Familie, nur so könne er es übernehmen. Der Sohn war damals traurig, hat sich schlecht gefühlt und war zugleich wütend. Jahre später stockt die Übergabe, obwohl Vertrag und Bewertung stehen.
Im PowerCode geht der Sohn innerlich in die Zeit zurück, in der zwischen beiden noch alles gut war. Von dort sagt er seinem Vater, was dieser damals gesagt hat, und beschreibt, wie es sich angefühlt hat. Der Vater sieht das Leid, es war nicht seine Absicht, und es tut ihm leid. Kommt das beim Sohn an, übernimmt der Vater seinen Anteil der Wut. Zum Schluss sagt er, wie er sich heute verhalten würde: Das gemeinsame Wohlergehen ist am wichtigsten. Glaubt der Sohn ihm das, entsteht eine neue Brille.
Danach klären beide die Rückverletzungen vom Sohn zum Vater, Schritt für Schritt bis zur Gegenwart. Kann der Vater kein anderes Verhalten benennen, liegt das meist an eigenen, älteren Verletzungen. Dann werden zuerst diese aufgelöst, häufig mit der Genea-Methode.
Wenn eine Seite nicht dabei ist
Bei einer gemeinsamen Klärung ist der Wille aller Anwesenden, mitzumachen, Voraussetzung. Niemand wird zu einem Klärungsgespräch gezwungen. Ist eine verursachende Person nicht bereit, nicht erreichbar oder verstorben, kann der PowerCode innerlich durchgeführt werden, in der Einzelarbeit und nur, wenn alle fünf Voraussetzungen erfüllt sind. Ob es gelingt, zeigt sich daran, ob die Auflösung stimmig ist. Gedanklich mogeln lässt sich nicht.
Was der PowerCode nicht ist
- Keine Entschuldigung. „Es tut mir leid“ allein ist nicht der PowerCode. Ohne Ausgleich und Aussicht bleibt die Wut beim Verletzten. Mehr dazu im Beitrag Wieso eine Entschuldigung einen Konflikt nicht nachhaltig auflöst.
- Kein Verhandeln über Positionen und Interessen. Die Sachfragen kommen erst danach, dann aber meist leichter. Den Unterschied zur klassischen Mediation beschreibt die Seite Konfliktlösung mit System Empowering.
- Kein Spiegeln oder Paraphrasieren. Gebraucht werden konkretes Verhalten, Basisgefühle und Anerkennung. Die Frage „Kommt es an?“ prüft die Wirkung, nicht das Verständnis.
Für Ihr Mandat
Sie müssen den PowerCode nicht selbst beherrschen, um ihn zu nutzen. Typische Signale sind: Eine Einigung hält nur bis zum nächsten Streitpunkt. Eine Entschuldigung ist ausgesprochen, und es ändert sich nichts. Eine Person oder ein Thema löst unverhältnismäßig starke Reaktionen aus. In solchen Fällen können Sie uns im Mandat hinzuziehen. Wir klären die Verletzungen, Sie bleiben in Ihrer Rolle gegenüber dem Mandanten und lösen danach die Sachfragen.
Der PowerCode in der Fortbildung
In der System Empowerer Fortbildung lernen Sie den PowerCode in Modul 2 (Konflikt Coaching) als strukturierten Prozess kennen. In den folgenden Modulen wenden Sie ihn an, etwa in der Genea-Methode (Modul 5) und in der Systemischen Konfliktlösung (Modul 9). Die Termine stehen auf der Startseite.
- Die zehn Systemgesetze
- Genea-Methode: wenn die Kraft für die Klärung fehlt
- Empowering: das Neue in die Lebensgeschichte bringen
- System Empowering: die Methode im Überblick
- Was tun, wenn man den Konflikt nicht lösen kann: innerlich oder real
- Systemgesetzverletzung durch Erkenntnis
- Uns im Mandat hinzuziehen